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{THEMA}Zwangsheirat

{KAPITEL}Definition

{TEXT}

Im Unterschied zur arrangierten Ehe, bei der die Eltern des/r Heiratskandidaten/In die Bedingungen, wie z.B. den Zeitpunkt, das Brautgeld vereinbaren, und davon ausgegangen wird, dass die Eheschließung dem freien Willen der Eheleute entspricht, wird die Zwangsheirat immer gegen den Willen eines oder beider Ehepartner durchgeführt.

Aber die Grenzen sind fließend, denn oft kommt eine arrangierte Ehe auch nur auf Druck der Familien und Drohungen zustande. Von einer freien Willensäußerung kann dann nicht gesprochen werden. Dementsprechend groß sind die Dunkelziffern.

{ZITAT}
Fallbeispiel Zwangsverheiratung

Y. war 15 Jahre alt, die älteste von drei Schwestern, sie besuchte die Handelsschule. Seit einem Jahr merkte sie, dass zu Hause irgendwas für sie geplant wurde. Sie hatte keine Ahnung, was. Y. konnte sich auch nicht vorstellen, wie schlimm es für sie letztlich sein würde. Sehr oft hörte sie zu Hause den Namen ihres Cousins Ahmet, und, dass in den Sommerferien in der Türkei irgendeine Hochzeit stattfinden würde. Wer sollte heiraten? Vielleicht Ahmet? Aber er war doch noch sehr jung, nicht wahr? Nein, ganz sicher nicht er, er war erst 16. Im Juni vor dem Urlaub wurde für Y. viel eingekauft. Sie war begeistert, aber auch irgendwie verwirrt und irritiert. Einen Tag vor dem Abflug in die Türkei kam die jüngste Schwester zu ihr. Sie war sehr traurig, fragte Yosma, warum sie nach dem Urlaub nicht mehr in dieser Wohnung bleiben dürfe. Die fünfjährige Schwester begann zu weinen. Y. lachte und sagte natürlich würde sie weiter hier wohnen. Wo denn sonst? Und was sollten diese komischen Fragen?

Im Dorf in der Türkei war das Wetter schön, es herrschte große Freude. Alle Verwandten waren da. Alle sagten, dass Y. noch schöner und reifer geworden sei. Reif wofür?

Am nächsten Tag weckte die Mutter sie auf. Sie sollte aufstehen. Die Mutter sagte ihr, dass es der glücklichste Tag für sie sei, weil sie nun Ahmet heiraten würde.

Panik! Y. wollte nicht heiraten. Sie war noch sehr jung, hatte Angst. Niemand hörte sie. Der Vater hatte sie dem Sohn seines Bruders vor zwei Jahren bereits versprochen. Es würde geschehen, weil es geschehen musste. Sie weinte. Sie versuchte, Widerstand zu leisten. Dann wurde sie geschlagen ...

Y. heiratete unter Zwang, wurde krank. Jeden Tag wurde sie vom Vater geschlagen, weil sie mit Ahmet nicht ins Bett ging um die Ehe zu vollziehen. Sie war sehr krank. Die Mutter brachte sie schließlich nach Österreich zurück. Nach einer Woche ging Y. allein zum Jugendamt, erzählte ihre Geschichte. Die zuständige Sozialarbeiterin rief bei uns in der Frauenberatungsstelle Orient Express an.

Es wurde ein Hausbesuch vereinbart und mit der Mutter gesprochen. Das führte zu nichts, Y. wurde in einem Heim untergebracht. Durch eine Rechtsanwältin in der Türkei wurde die Ehe annulliert. Der Vater verstieß seine Tochter. Nach wiederholten langen Gesprächen mit der Mutter konnten wir sie davon überzeugen, dass ihre Tochter Y. keine andere Wahl hatte, als die Wohnung zu verlassen. Trotz aller Drohungen des Vaters hat die Mutter jetzt noch immer Kontakt mit der Tochter.

Y. ist jetzt 17 und wohnt noch immer in einem Heim. Sie schaut wie 30 Jahre alt aus. Aber sie ist ledig und sehr stolz, weil sie weiß, dass der Vater das Gleiche mit ihren Schwestern nicht mehr versuchen kann. Sie hat es geschafft, eine bisher nicht hinterfragte Tradition in der Familie zu durchbrechen, auch wenn sie dafür mit ihrer Jugend bezahlen musste und die psychischen Folgen lebenslange Spuren hinterlassen werden.

(Fallbeispiel von der Beratungsstelle Orient Express aus März 2004)
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