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{THEMA}Zwangsheirat{KAPITEL}Österreich |
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Derzeit gibt es keine statistischen Erhebungen wieviele Mädchen und Jungen in Österreich von Zwangsheirat betroffen sind. Die Erfahrungen der Beratungsstelle Orient Express zeigen aber, wie dringend diese Menschenrechtsverletzung an die Öffentlichkeit gebracht werden muss, denn die Opfer benötigen Unterstützung und Schutz. Der Orient Express in Wien ist eine der wenigen Beratungsstellen für Betroffene von Zwangsheirat in Österreich. Interview mit Gül Ayse Basari vom Orientexpress im April 2004proFRAU: Welchen Formen der Zwangsverheiratung gibt es ? Frau Basari: Es gibt zwei verschiedene Arten von zwangsverheirateten Mädchen. Eine davon ist, wenn die Mädchen in Österreich leben und eine österreichische Staatsbürgerschaft haben. Durch diese Mädchen können die Eltern einen Verwandten aus der Türkei nach Österreich bringen. Diese Mädchen sind wirklich Opfer. Sie haben die Staatsbürgerschaft und deshalb können die Eltern diese Mädchen einfach verkaufen, damit sie aus der Türkei einen Bekannten, Verwandten, einen Cousin nach Österreich bringen können. Es passiert meistens im Alter von 15 oder 16 Jahren und natürlich vor den Sommerferien. Die Mädchen werden in die Türkei gebracht. Sie glauben, dass es nur ein Urlaub ist, aber dann erfahren sie, dass sie verheiratet werden. proFRAU: Kommt es häufig vor, dass Mädchen in der Türkei zwangsverheiratet werden? Frau Basari: In der Türkei ist es kulturell und traditionell so, dass fast 80 % der im Dorf lebende Frauen durch Zwangsverheiratung vermählt wurden. Sie wurden einfach verheiratet. Sie dürfen nicht allein, mit eigenem Willen einen Zukünftigen wählen. Ich muss betonen, dass es in der Türkei zwei verschiedene Kulturen gibt. In den Städten gilt das nicht, dort lebt man nicht einmal europäisch sondern amerikanisch. proFRAU: Gibt es noch andere Arten von Zwangsheirat? Frau Basari: Es gibt noch eine andere Art der Zwangsverheiratung und die finden wir noch schlechter und schlimmer. Die Frauen in der Türkei dürfen sowieso nicht -nein- sagen. Der Vater kommt und sagt: "Dein Cousin lebt in Österreich und ihr sollt heiraten." Dieses Mädchen kennt ihn nicht oder kennt ihn, aber hat keinen Wunsch ihn zu heiraten. Die Hochzeit findet statt, sie wird nach Österreich gebracht, direkt zu ihren Schwiegereltern. Es sind ihre Verwandten Onkel, Tante. Diese Mädchen kennen sich nicht in Österreich aus, sprechen die Sprache nicht, kennen die gesetzliche Lage nicht. Der Junge ist auch Opfer, aber auch er hasst dieses Mädchen. Er hat in Österreich ganz sicher eine andere Beziehung und er will mit seiner Frau nicht leben, aber als ihr Mann muss er mit ihr schlafen, sonst bekommt er einen schlechten Ruf in der Familie. Er tut das auch. In der Familie sagen die Schwiegereltern, das Mädchen soll warten, er wird es kapieren. Er wird zurück kommen. Er kommt natürlich nicht zurück. Es gibt keine Arbeits- oder Aufenthaltsbewilligung für das Mädchen. Man lässt sie nicht heraus, sie kann nicht Deutsch, sie hat keinen Mann dabei. Nach einem Jahr merken die Eltern des Mannes, dass diese Ehe nicht weitergehen wird. Sie hat keine Rechte in Österreich. Da gibt es auch sexuelle und psychische Gewalt vom Ehemann. Diese Mädchen werden auch meistens vom Mann geschlagen. Dann kommt auch strukturelle Gewalt hinzu, denn ohne ihn kann sie nicht einmal die Niederlassungsbewilligung verlängern. Wenn eine Ehe nicht gutgegangen ist, dann ist die Frau schuld. Wenn sie geschlagen wird, darf sie keine Anzeige bei der Polizei machen, denn wenn sie das tut ist sie sowieso eine schlechte Frau. Und die Familie des Ehemannes sind auch ihre Verwandten, deshalb ist sie ganz allein in der Familie. proFRAU: Können sich die Frauen scheiden lassen? Frau Basari: Sie dürfen sich nicht scheiden lassen. Leider ist es auch so wegen des Fremdenrechts. Eine häusliche Gewalt ist da, aber auch eine strukturelle Gewalt. Stellen sie sich vor, sie wurde geschlagen, erniedrigt und beleidigt und vor dem Richter soll sie sagen: Ich will mich nicht scheiden lassen, ich liebe meinen Mann. Sie darf sich nicht scheiden lassen, denn sonst existiert sie in Österreich nicht mehr, sie hat keine Rechte in Österreich. Sie existierte die ersten fünf Jahre nicht in Österreich. Jetzt gab es eine Änderung und es sind zwei Jahre. Diese ersten zwei Jahre sind sehr dramatisch. Ich habe in den letzten 6 Monaten mindestens 15 solcher Fälle gehabt. Diese Fälle sind noch nicht gelöst. Natürlich, wenn sie geschlagen wurde, machen wir eine Anzeige und lassen den Ehemann wegweisen, aber sie darf nicht sagen, dass sie sich scheiden lassen will. proFRAU: Gibt es Fälle von Gewalt, damit die Tochter heiratet? Frau Basari: Ja, ganz oft. Es ist ganz verschieden. Wenn die Tochter immer in der Türkei gelebt hat, die europäische Kultur nicht kennt, dann sagt sie nicht –nein-, aber diese zweite Generation wird das nicht ohne weiteres akzeptieren. Dann kommt Gewalt hinzu und schreckliche Bedrohung, z.B. dann bist du nicht mehr unsere Tochter, du wirst nicht mehr nach Hause kommen, du darfst nie wieder deine Schwester sehen. Und ein 15jähriges Mädchen kann dagegen nicht kämpfen, dann sagen sie meistens ja. proFRAU: Gibt es Fälle von Ehrenmorden? Frau Basari: Ja, aber eigentlich nicht sehr oft, so 1-2 Fälle. Nicht direkt aber von einer Klientin habe ich zum ersten Mal davon gehört, dass die Tochter nicht heiraten wollte. Es war die Tochter der Schwester, also ihre Nichte. Sie sollte mit der Schwester zu uns kommen. Leider hat sie das nicht arrangieren können und alle sind in die Türkei gefahren, aber die Tochter ist nicht wieder mit zurückgekommen. Sie war keine Jungfrau mehr. Der Vater wusste das nicht und die Eltern haben es nach der Hochzeitsnacht erfahren. Da hat der Vater die eigene Tochter umgebracht. Er ist jetzt in der Türkei im Gefängnis. proFRAU: Aus welchen Ländern sind Zwangsverheiratungen bekannt? Frau Basari: Ich möchte festhalten, dass die Zwangsheirat nicht nur in der Türkei vorkommt oder ein islamisches Problem ist, es gibt sie genauso in christlichen Familien. Es gibt sie genauso bei anderen Religionsgemeinschaften oder in anderen Ländern, wie z.B. in Bosnien oder bei Roma-Mädchen oder in Indien. proFRAU: Danke für das Gespräch! {NAVIGATION} |
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