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{THEMA}FGM - Genitalverstümmelung

{KAPITEL}Österreich

{TEXT}

Aktueller Stand in Österreich

[*Praxis von FGM]
[*Asylpolitik in Zusammenhang mit FGM]
[*Österreichische Plattform gegen Genitalverstümmelung]
[*Wiener Studie: Weibliche Genitalverstümmelung – was weiß die Medizin?]
[*Interview mit Etenesh Hadis, Vorsitzende der Afrikanischen Frauenorganisation in Wien, zur Medikation von FGM.]

Praxis von FGM

Es ist zu befürchten, dass FGM auch in Europa bzw. Österreich praktiziert wird. Dazu werden die Mädchen in ihr Heimatland zurückgebracht, oder eine 'kundige' Frau übernimmt die Verstümmelung hier. Inwieweit Ärzte oder Ärztinnen Beschneidung vornehmen, ist nicht bekannt. Es wird jedoch vermutet, dass es ÄrztInnen in Österreich gibt, die auf Wunsch Beschneidungen durchführen. Die Zeitschrift 'profil' deckte im Jahr 2000 einen österreichischen Mediziner auf, der eine Beschneidung zugesagt, geplant und vorbereitet hatte.

Nach einem Situationsbericht von Frau Etenesh Hadis, Vorstandsfrau der Afrikanischen Frauenorganisation in Wien, in der Zeitschrift 'Women' von 10/02 leben ihrer Schätzung nach ca. 8.000 Opfer von FGM (weiblicher Genitalverstümmelung) in Österreich, und jährlich werden weitere Hunderte hier lebende Mädchen und Frauen verstümmelt.

Asylpolitik in Zusammenhang mit FGM

Bereits zum zweiten Mal wurde in Österreich Asyl wegen drohender Genitalverstümmelung gewährt. Bei der Asylwerberin handelt es sich um ein am 9.3.2001 geborenes Mädchen, deren Mutter eine Angehörige der verfolgten Volksgruppe der Omoro ist. Die Frau wurde von der Regierungspolizei verhaftet und vergewaltigt. Im Fall einer Rückkehr muss die zwangsweise Genitalverstümmelung der Tochter befürchtet werden. In der Urteilsbegründung wurde auf die schwerwiegenden und gesundheitlichen Konsequenzen dieser Praxis Bezug genommen.

Das erste Mal wurde am 21.3.2002 einer Frau aus Kamerun wegen ihrer Furcht vor einer drohenden Verstümmelung in Form der Infibulation, der schwersten Form der Genitalverstümmelung, in Österreich Asyl gewährt. Die junge Frau wurde ohne ihrem Wissen einem alten Mann versprochen. Die Beschneidung sollte verhindern, dass ihr zukünftiger Mann erkennen könne, dass sie keine Jungfrau mehr sei. Da die Schwester infolge der Genitalverstümmelung verstorben war, riet ihr die Mutter zur Flucht.

(Quelle: www.amnesty.at/ag-frauen)

Österreichische Plattform gegen Genitalverstümmelung

Seit 4.2.2004 gibt es die "Österreichweite Plattform gegen weibliche Genitalverstümmelung" ([>www.stopFGM.net]) mit dem Ziel, alles in ihrer Macht stehende zu unternehmen, um über weibliche Genitalverstümmelung aufzuklären und konkrete Aktivitäten zu unternehmen oder zu unterstützen, und so beizutragen, dass dieses menschenrechtsverletzende und gesundheitsschädigende Ritual gestoppt wird.

Die Aktionen reichen von aktiver Hilfe in den betroffenen Ländern in Form von Aufklärungsprojekten wie Aufklärungsfilme und Mediatorinnen bis hin zu aktiver politischer Arbeit, um drohende Verstümmelung in Österreich als Asylgrund anzuerkennen. Weitere Ansätze sind, die internationale Bekämpfung von FGM weiter voranzutreiben, die Unterstützung der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit von bereits bestehenden Initiativen in den Ländern, sowie Aufklärungsarbeit in Österreich für die betroffenen Migrantinnen und deren Familienangehörige.

Künftig soll der 6. Februar ein internationaler Tag der Null-Toleranz sein, wie auf der Konferenz des Inter African Committee (IAC) im Februar dieses Jahres in Addis Abeba beschlossen wurde.

Wiener Studie: Weibliche Genitalverstümmelung – was weiß die Medizin?

Die Studie, durchgeführt im Herbst/Winter 2005/06, wurde am 6.2.2006 in Wien vorgestellt. Erstellt wurde sie im Auftrag der "Österreichischen Plattform gegen weibliche Genitalverstümmelung" (stopFGM.net) und dem Wiener Programm für Frauengesundheit, finanziell unterstützt vom Renner Institut und der Waris Dirie Foundation.

Ziel der Studie war es, den Wissensstand von Hebammen, GynäkologInnen und KinderärztInnen über weibliche Genitalverstümmelung in medizinischer und rechtlicher Hinsicht zu erheben. Die Fragebögen wurden an 332 Wiener Hebammen, 330 GynäkologInnen und 141 KinderärztInnen versendet. Der Rücklauf betrug insgesamt 105 Stück, davon 49 Hebammen, 36 GynäkologInnen und 15 KinderärztInnen, bzw. 70,8 % weiblich (aufgrund des hohen Anteils an Hebammen) und 29,2 % männlich.

Hier ein Auszug aus der Studie, Fragebogen 1, zur generellen Erfahrung mit weiblicher Genitalverstümmelung (FGM).

Zum Ergebnis: 95,2 % der Befragten war FGM bekannt, wobei 18,0 % die Kenntnisse aus Fachmagazinen erhielten, 18,0 % sich aus privatem Interesse informierten und 17,0 % im Studium davon erfuhren.

Die Befragten gaben an, nur 34,6 % Detailwissen zu weiblicher Genitalverstümmelung zu haben, 59,1 % wünschten sich mehr Informationen in der Fortbildung, und 80,8 % wussten um die Strafbarkeit von FGM in Österreich.

Wie haben die Befragten auf Fälle in der Praxis reagiert? 26,2 % tauschten sich mit KollegInnen aus, 25,2 % unternahmen nichts, und 14,0 % informierten sich selbst. Nur 5,6 % informierten die Frauen über Risiken, 1,9 % vermittelten an ein Beratungszentrum, und 6,5 % versuchten, die Konsequenzen für Töchter "traditionsbedingter Weitergabe von FGM" aufzuzeigen.

Wie war die Reaktion von Betroffenen auf eine Beratung? Dabei waren sich 37,5 % der Patientinnen des Problems bewusst, bei 22,9 % machten sprachliche Barrieren eine Beratung nicht möglich, und 18,8 % empfanden die Beratung als unerwünschte Einmischung.

Bei 41,0 % war der Mann beim Gespräch anwesend. Auch bei ihm war zu 32,0 % ein Problembewusstsein vorhanden, jedoch empfanden es 28,0 % ebenfalls als unerwünschte Einmischung. War der Mann beim Gespräch anwesend, reduzierten sich kulturelle Barrieren, jedoch schienen Scham- und Tabu-Reaktionen stärker vorhanden zu sein.

Zusammenfassend wurde festgestellt, dass es eine dringende Notwendigkeit gibt, das Thema FGM auch in Aus- und Fortbildungsangeboten für die befragten Berufsgruppen zu inkludieren und so die Kenntnisse und das Wissen zu verbessern. In der Hebammenakademie werden Kenntnisse über FGM bereits seit einiger Zeit unterrichtet.

Wichtig ist den AuftraggeberInnen aufgrund des Studienergebnisses auch, Männer – eventuell getrennt von ihren Frauen – und religiöse Autoritäten in die Information und kultursensible Beratung mit einzubeziehen als eine wichtige Strategie im Kampf gegen FGM. Der Respekt vor Kultur und Tradition und das Beachten momentaner Geschlechterhierarchien wird als Ergebnis ebenso betont wie die Notwendigkeit eines Wertewandels, der das Verschwinden von FGM forciert. DER SCHLÜSSEL zur Beendigung von FGM ist die Gleichberechtigung der Frau in sozialer, ökonomischer und kultureller Hinsicht.

Die Studie ist anzufordern bei www.stopFGM.net.

Interview mit Etenesh Hadis, Vorsitzende der Afrikanischen Frauenorganisation in Wien, zur Medikation von FGM.

proFRAU: Mrs. Hadis, was ist Ihre Meinung zur Medikation von FGM? Die Medikation wird manchmal als Lösung für die Diskussionen rund um FGM angeführt.

Frau Hadis: Die Medikation von FGM ist nicht akzeptabel. Auch die WHO akzeptiert die Medikation nicht. Es verlagert nur die Problematik, denn Frauen brauchen ihren Sex und ihr Sexualleben, und eine Infibulation nimmt den Frauen das sexuelle Interesse. Wichtig ist, die Frauen zu schützen - psychologisch, medizinisch und sozial -, und die Medikation ist keine Lösung. Eine Lösung ist die Ausrottung von FGM. FGM ist für die Frauen aus medizinischer, kultureller und psychologischer Sicht nicht notwendig und sollte als "schlechte Kultur" betrachtet werden, denn sie schädigt die Gesundheit der Frauen.

(Anmerkung von proFRAU: Es gibt immer wieder Diskussionen konservativer Kreise, die Beschneidung mit Hilfe von Medikamenten für die Frauen erträglich und schmerzfrei zu machen. Diese Praxis hält die Tradition der Genitalverstümmelung jedoch mit modernen medizinischen Mitteln aufrecht und wird aus diesem Grund von den Aktivistinnen und uns abgelehnt.)

proFRAU: Mrs. Hadis, ich habe mit einem Arzt gesprochen, der in einer gynäkologischen Abteilung eines großen Krankenhauses hier in Wien arbeitet und noch nie eine beschnittene Frau in seiner Abteilung gesehen hat. Wohin gehen die betroffenen Frauen, wenn sie eine gynäkologische Beratung benötigen?

Frau Hadis: Diese Frauen gehen zu einer Ärztin von uns, Dr. Schadia. Wenn Frauen zu uns kommen und Probleme haben, schicken wir sie zu ihr. Sie und andere Ärztinnen behandeln die Frauen. Da FGM ein Tabu ist - denn FGM ist nicht ein offen diskutiertes Thema - sprechen viele Frauen nicht darüber. Auch ich selbst spreche erst seit kurzem darüber. Wir sind in einer konservativen Gesellschaft aufgewachsen und sprechen nicht über Sex. Wenn Du über Sex offen sprechen würdest, wäre das empörend und abstoßend. Aus diesem Grunde haben wir unsere eigene Beratungsstelle, die nun bald offiziell eröffnet wird, gefördert von der Stadt Wien. Dort wird Dr. Schadia dann arbeiten.

Doch wir arbeiten bereits - mit Terminvereinbarungen -. Die Frauen kommen zu uns, wir diskutieren und bieten Sozialberatung und medizinische Beratung an.

proFRAU: Und wenn die Frauen eine Operation benötigen?

Frau Hadis: Wenn sie eine Operation benötigen, dann empfehlen wir sie weiter. Für die Zukunft haben wir auch mit Frankreich und Schweden Kontakt aufgenommen, denn da gibt es bereits Möglichkeiten, die Vagina wieder herzustellen. Um diese Operationen durchzuführen benötigt man spezielles Wissen. Wir werden daher diese ÄrztInnen nach Wien einladen und über dieses Thema sprechen.

proFRAU: Danke für das Gespräch!


Die Afrikanische Frauenorganisationen ist seit kurzem auch im Internet unter [>www.african-women.org] zu finden.

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